Sapa, Vietnam – Von Todesfahrern und einem misslungenen Fluchtversuch

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Irgendwie hatte ich mir Sapa, Vietnam anders vorgestellt. Irgendwie authentischer, idyllischer, märchenhafter. Schöner halt. Und vor allem weniger touristisch.

Sapa, Vietnam – Paradies oder Touristenfalle?

Als ich die ehemalige Bergstation Sapa in Vietnam bei den Reisevorbereitungen zur Toppriorität erklärte, träumte ich davon, wie ein Pionier in unberührte Gegenden vorzudringen. Als erster Westler Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen. Kurz: Ich wollte das Paradies erschließen. Doch schon in Lao Cai wurde mir schmerzhaft bewusst: Da waren wohl andere vor uns da.

Mit drei Stunden Verspätung trifft der Nachtzug aus Hanoi in Lao Cai ein. Jetzt erst einmal den Bus nach Sapa finden. Frohen Mutes lassen wir uns von den Menschenmassen mitreißen. Nur vereinzelt lugt der Backpack eines Mitreisenden aus der Menge hervor. Noch ist nichts zu sehen von der angeblichen Touristenflut.

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Plötzlich tippt mir ein junger Mann von hinten auf die Schulter:

„Sapa? You go Sapa?“

„We´re okay, thank you,“ versichere ich ihm. Wir werden den Linienbus schon selbst finden. „Me go Sapa!“ Ja, das hatte ich verstanden. Doch ich bin weiter fest entschlossen: Wir werden den Linienbus nehmen. Denkste!

Ein paar Sekunden später sind wir von Minibusfahrern umzingelt. An ein Entkommen ist nicht mehr zu denken. Niedergeschlagen ergeben wir uns in unser Schicksal. Nach kurzem Feilschen verschwinden unsere Backpacks im Kofferraum, mit der Ermahnung: „Okay, only for you! But don´t tell! Pssst!“ Da sind wir wohl wieder besonders krass über´s Ohr gehauen worden. Naja, egal. Wenigstens haben wir Zeit gespart. Und es geht noch ökonomischer.

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Nachdem alle Plätze einen Eigentümer gefunden haben, geht es im Eiltempo nach Sapa. Eine Stunde, 37 Weiten- und einige Höhenkilometer später, ist die kälteste Stadt Vietnams erreicht, wo wir standesgemäß von Nebel und Nieselregen in Empfang genommen werden. Doch nach fünf Beinahecrashs und weiteren Nahtoderfahrungen – und das alles in einer knappen Stunde, versteht sich! – bin ich einfach nur froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Herr Gemahl aber ist not amused, als ich ihn abrupt aus dem Tiefschlaf wecke.

Und schon wartet die nächste Touristenfalle. Der Minibus war natürlich nicht im Zentrum zum Stehen gekommen, sondern hat uns direkt vor dem Hostel eines Kumpels abgeladen. Und auch die ersten Souvenirverkäuferinnen stehen schon zur Begrüßung bereit, als wir schwankend aus dem Todesfahrzeug steigen. Also machten wir uns – mit zwei Black Hmong Damen im Schlepptau – auf die Suche nach einem Hotel für unsere Übernachtung in Sapa, Vietnam. Natürlich ohne zu ahnen, dass dies erst ein Vorgeschmack war auf das, was noch kommen sollte.

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Der Versuch einer Flucht und wie wir kläglich scheiterten

Erst einmal vorweg: Sapa, Vietnam ist einfach nur hässlich. Die Gebäude sind hässlich. Der Betonplatz in der Stadtmitte ist hässlich. Und die Verkausstrategien der Einheimischen sind hässlich. Hätte sich das Ganze auf den gefühlt 24-Stunden-Tourimarkt, der sich um den Quang Truong Platz herum niedergelassen hat, begrenzt, wir hätten Verständnis gehabt. Dann nämlich hätte man dem Ganzen ja entfliehen können. Aber wie ihr wohl erahnen könnt: Dem war nicht so!

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Aus Mangel an einer halbwegs brauchbaren Wanderkarte von Sapa und Umgebung, suchten wir erst einmal Unterschlupf im nächstgelegenen Dörfchen mit dem Namen Cat Cat. Ein fataler Fehler! Drei Black Hmong Frauen hatten es sich nämlich in den Kopf gesetzt, uns unbedingt eine Tour anzudrehen. Unsere Versicherungen, dass wir keine Tour bräuchten, stießen dabei wiederholt auf taube Ohren. Sie waren sich sicher, dass eine Tour das einzige war, was uns wirklich glücklich machen würde. Nur hatten wir das eben noch nicht begriffen. Die Zeit würde das Ihrige schon tun.

Und ich sage euch: Sie tat das Ihrige. Nein, wir haben keine Tour gebucht. Aber nach zwei Stunden Dauerverfolgungsjagd legt sich irgendwann auch auf die unverwüstlichste Psyche ein Hauch von Verfolgungswahn. Die Aussage „You buy, we follow you!” änderte daran wenig.

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Ein kurzer Sprint, und wir hatten die beiden dann doch irgendwann abgehängt. Mit dem Ziel, uns auf eigene Faust nach Y linh Ho durchzuschlagen, folgten wir dem verheißungsvollsten Schlammpfad ins Ungewisse. Wir begegneten spielenden Kindern, fleißigen Reisbauern, und freundlichen Wasserbüffeln. Doch irgendwie wollte das Ziel nicht näher rücken.

Als wir nach mehrfachem Nachfragen dem besagten Dörfchen auch nach einer vollen Stunde angeblich noch keinen Millimeter näher gekommen waren und sich die Sonne gefährlich schnell dem Horizont zu nähern begann, mussten wir unsere Expedition schweren Herzens abbrechen und uns eingestehen: Als Pioniere hätten wir uns wohl doch nicht so gut gemacht.

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Bac Ha – Eine gelungene Alternative

Der zweite Tag in Sapa, Vietnam sollte für den Sonntagsmarkt in Bac Ha draufgehen. Trotz einer Vielzahl an Touriständen wurden wir hier weitgehend in Ruhe gelassen und konnten uns das Markttreiben aus der Nähe anschauen. Zwar wissen wir bis heute nicht, warum man einen Wasserbüffel vor Verkaufsabschluss am Schwanz zieht, oder was wir da eigentlich genau gegessen haben, aber immerhin blieb das Gefühl, hier wenigstens einen kleinen Einblick in das echte Nordvietnam erhascht zu haben.

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Das beste an Sapa, Vietnam aber war die Zugfahrt zurück nach Hanoi. Aber Schelm, wer jetzt denkt, dass wir nur schnellstmöglich weg wollten. Erst hier erlebten wir das echte, wahre Sapa, als wir uns nämlich unser Schlafabteil mit zwei Red Dzao Frauen teilten, die uns sofort in ein nettes Gespräch verwickelten. Doch wir hatten unsere Lektion gelernt: Umsonst bekommt man in Sapa, Vietnam nichts. Und so endete auch diese Begegnung mit einer Visitenkarte und dem Versprechen, unser Lager beim nächsten Sapa-Besuch im Homestay der beiden Damen aufzuschlagen.