Santa Ana, Misiones – Unser ganz privater Tempel des Todes

Als Kind, war er mein absolutes Idol. Er war der Grund, warum ich eigentlich Archäologie studieren wollte. Und seine Filme kannte ich schon mit neun in- und auswendig. Doch das richtige Indiana Jones Feeling suchte ich bisher vergeblich. Bis ich nach Santa Ana in Misiones kam.

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Sobald wir die schützenden Mauern des Visitor Centers von Santa Ana, Misiones verließen, wurden wir augenblicklich mit Haut und Haaren verschluckt. Und pötzlich war es still. In unregelmäßigen Abständen durchbrachen hektische Flügelschläge aufgescheuchter Tukane die Lautlosigkeit der beblätterten Hölle von Santa Ana. Und das unablässige Summen tausender Stechmücken. Sonst war da nur das Geräusch der verdorrten Blätter, die bei jedem Schritt unter unseren Schuhen knirschten. Und das Surren der Hitze. Ja, die Hitze war definitiv am lautesten.

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Als hätte ein unsichtbarer Theaterdirektor das lang erwartete Zeichen gegeben, hoben sich auf einmal die Baumwipfel und gaben die Sicht frei auf eine gleich mehrere Fußballfelder große Lichtung. Und da, am anderen Ende der riesigen Wiese standen sie, die Überreste von Santa Ana. Und wir hatten sie entdeckt. Als erste Bewohner der westlichen Welt hatten unsere Augen sich an der unnachahmlichen Schönheit der barocken Mission geweidet. Und wir würden auch die ersten sein, die die Bekanntschaft der Ureinwohner machen würden, die auch schon im selben Moment mit freudestrahlenden Gesichtern auf uns zuliefen… Halt!?

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Nein, wir waren wohl doch nicht die ersten, die sich in die Glut des argentinischen Dschungels gewagt hatten, um die Geheimnisse von Santa Ana und Misiones aufzudecken. Das Floridahemd hatte sie verraten. Ein Paar amerikanischer Rentner. Sonst aber mussten wir die Ehrfurcht gebietenden Ruinen von Santa Ana einzig mit dem eifersüchtigen Dschungel teilen, der sie mit aller Macht an sich zu reißen versuchte. Überall umklammerten seine langen Finger Mauern und Türen der ehemaligen Jesuitenreduktion und schienen sie nicht mehr hergeben zu wollen. Und auch der angrenzende Friedhof von Santa Ana, Misiones konnte sich der Schreckensherrschaft des Regenwaldes nicht entziehen.

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Obwohl sie noch bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Dorfbevölkerung genutzt wurde, hatte die Verwaldlichung auch vor der heiligen Grabstätte nicht halt gemacht, die sich heimlich von hinten an die Überreste der Dorfkirche schmiegte. Halb zusammengesackte Kammern mit offen stehenden Türen lockten den arglosen Entdecker in eine aus allen Öffnungen herausdrängende Finsternis, während von Regalen gefallene Särge ihr unbewohntes Inneres preisgaben. Als ob sie einen neuen Mieter suchten.

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Und plötzlich lief es mir kalt den Rücken runter. Ich hatte begriffen. Wenn wir das Schattenreich von Santa Ana, Misiones nicht schleunigst verließen, würden auch wir schon bald für immer hier ruhen. Und so schoss ich noch ein paar letzte Bilder, flehte Laurens an, das Herumstöbern in den morschen Katakomben doch bitte zu unterlassen, und gemeinsam entflohen wir dem Tempel des Todes, bevor er für immer…

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Okay, ich geb´s ja zu: Ihr könnt die Ruinen von Santa Ana, Misiones auch heute noch besichtigen. Aber ich schwöre euch: Das ist nicht das Rascheln der Blätter im Wind, das ihr da zu vernehmen glaubt. Das sind die Todesschreie der Indianer, die hier vor 200 Jahren gelebt haben sollen. Es sind die Hilferufe verzweifelter Mütter, die ihre Kinder an die aus Europa importierten Seuchen zu verlieren drohen. Und es ist das Knistern des ewigen Feuers, das aus dem Höllenschlund an euer Ohr dringt.