Natural Horsemanship – Was ist das? Oder: Wie wir reiten lernten in Montana!

Bei unserem letzten Roadtrip durch die USA wollten wir uns einer neuen Herausforderung stellen: Wir wollten unbedingt Reiten lernen! Und wo kann man den sicheren Umgang mit Pferden besser erlernen als im waschechten Cowboy-Staat Montana? Wir begaben uns nach Wolf Creek, wo wir auf der Rocking Z Guest Ranch der Familie Wirth nach den Regeln des Natural Horsemanship in 1 Tag reiten lernen sollten. Ein spannendes Experiment und eine einzigartige Erfahrung!

Natural Horsemanship: Was ist das eigentlich?

Horsemanship bedeutet wortwörtlich: Pferde-Menschen-Kunst. Dabei handelt es sich im Grunde um den fairen Umgang zwischen Mensch und Pferd. Es umfasst einen pferdefreundlichen, respektvollen und kenntnisreichen Umgang mit dem Tier. Dabei geht es um gegenseitiges Vertrauen und Respekt. Horsemanship umfasst also auch deine innere Haltung zum Pferd.

Natural Horsemanship ist Teil des Horsemanships. Der Reiter versucht, sich in die Gefühle und Gedanken des Tieres hineinzuversetzen. Denkt man erstmal wie ein Pferd, ist der respektvolle Umgang zwischen Mensch und Tier gesichert. Durch die 7 Spiele des Natural Horsemanships lernt man, artgerecht mit dem Pferd zu kommunizieren und gleichzeitig eine respektvolle Form des „Wer bewegt wen“ in das Training zu integrieren.

Die 7 Spiele des Natural Horsemanship

Bei jedem der 7 Spiele des Natural Horsemanship geht es darum, Vertrauen zwischen Mensch und Tier aufzubauen. Bewegt sich das Pferd in die gewünschte Richtung, sollte man das Tier belohnen, etwa durch streicheln. Dadurch entwickelt sich Nähe zwischen beiden Seiten.

Das Friendly Game: Bei diesem ersten Spiel des Natural Horsemanship baut man erstmal die Beziehung zwischen Pferd und Mensch auf. Es geht darum, dass beide sich an die neue Nähe zueinander gewöhnen. Dafür sollte man sich ausführlich Zeit nehmen, bis beide Seiten Vertrauen zueinander gefasst haben.

    • Verwende dabei ein Seil oder einen Carrot Stick und wirf sie leicht über Hals oder Rücken der Pferdes.
    • Durch eine regelmäßige und rhythmische Bewegung gewöhnen sich beide Seiten an die neue Nähe und eine Beziehung wird aufgebaut.

Das Porcupine Spiel: Man bringt dem Pferd bei, sich von einem Druckpunkt wegzubewegen. Dabei sollte man versuchen, behutsam, aber beständig vorzugehen. Macht man alles richtig, benötigt das Tier immer weniger Stimulation.

    • Der Reiter legt z.B. seine Hand auf die Nase des Pferdes und erhöht dabei den Druck. Man steigert behutsam so lange den Druck, bis das Pferd reagiert und rückwärts tritt.
    • Mit Zeit, Übung und Wiederholung braucht dein Pferd immer weniger Druck. Es ist ein freundliches Spiel, getreu nach dem Motto: „Du hast getan, was ich wollte, daher lasse ich den Druck nach.“

Das Driving Game: Dabei verwendet man einen Carrot Stick, mit dem man vorsichtig auf das Pferd klopft. Wichtig dabei ist ein rhythmisches Klopfen. Während man beim Porcupine Game kontinuierlichen Druck anwendet, geht es im Driving Game um rhythmischen Druck und schließlich nur noch um die Suggestion von Druck. Das Driving Game ist eine logische Fortführung des Porcupine Games.

    • Genau wie bei den anderen Spielen des Natural Horsemanship, versucht der Reiter mit dem Klopfen das Pferd in eine bestimmte Richtung zu bewegen.

Das Yo-Yo Game: Anders als bei den anderen Spielen des Natural Horsemanship, benutzt man hier das Seil, um das Pferd zu steuern.

  • Man hält das Seil hoch und bewegt es rhythmisch, zuerst langsam, dann schneller. Bewegt sich das Pferd rückwärts, lässt man das Seil wieder locker.
  • Will man das Pferd wieder zurückbringen, nimmt man das Seil mit einer Hand über der anderen behutsam wieder auf.

Das Circling Game: Bei diesem Spiel lernt man, das Tier mit dem Seil zu steuern und ihm dennoch seine Freiheit zu lassen. Man versucht dabei, das Tier zum Ende des Seils zu schicken, es im Kreis laufen zu lassen und wieder zurückzubringen.

  • Dabei hält man das Seil relativ straff und bewegt es im Kreis.
  • Solange das Pferd auf diesem Weg bleibt, greift man nicht ein, sondern erlaubt dem Tier seine Freiheit.
  • Wenn man das Pferd wieder zurückholen möchte, bedient man sich der gleichen Körpersprache, wie bei Yo-Yo Game.

Das Sideways Game: Hier versucht man, das Pferd seitwärts zu einem Hindernis, wie einer Mauer zu bewegen. Dabei berührt man das Tier nicht wirklich, sondern geht ruhig und selbstsicher hinter dem Pferd her.

  • Sollte das nicht auf Anhieb klappen, kann man dabei einen Carrot Stick als Armverlängerung nutzen, um abwechselnd Druck auf die Hinter- und Vorderhand des Pferdes zu simulieren, bis das Pferd von selbst seitwärts geht.

Das Squeeze Game: Beim letzen Spiel des Natural Horsemanship macht man sein Pferd damit vertraut, zwischen zwei Objekten eingezwängt zu sein. Das funktioniert am besten, wenn am Anfang die Objekte relativ weit auseinander sind.

  • Allmählich macht man den Zwischenraum zwischen dem Tier und den Objekten kleiner. Das Pferd gewöhnt sich daran, gesteuert zu werden und baut weiteres Vertrauen zum Menschen auf.

Wichtig bei allen Spielen ist, dass man den Druck immer sofort wegnimmt, sobald das Pferd das tut, was man von ihm verlangt. Anschließende Streicheleinheiten zeigen ihm, dass es richtig verstanden und gehandelt hat. So wird es mit der Zeit lernen, durch kleinste Andeutungen das Richtige zu tun. Am Ende können sogar Blicke an die Druckstelle ausreichen, um es in Gang zu setzen.

Natural Horsemanship lernen: Ein Tag auf der Rocking Z Ranch in Montana

Der Tag auf der Rocking Z Ranch beginnt früh. Jedenfalls für mich. Die traumhafte Landschaft in Montana inspiriert mich zu einer morgendlichen Laufrunde. So mache ich mich um 6:30 Uhr auf den Weg zu meiner 5 km kurzen Joggingtour. Am Anfang ist mir ein bisschen mulmig. Die Ranch Eigentümerin Pat hatte mich am Vorabend noch gewarnt: „Es gibt hier Coyotes und sogar Wölfe.“

Nach meiner kleinen Laufrunde muss ich mich sputen. Denn um 8:00 Uhr ist Frühstück angesagt. Das Homecooking Buffet besteht aus typisch amerikanischem Essen und findet im Wohnzimmer mit den anderen Gästen statt. Die Gruppe ist ganz durchmischt. Außer uns ist nur noch Nathalie, eine Französin, aus Europa. Alle anderen kommen aus verschiedenen Staaten der USA – manche kommen jedes Jahr wieder.

Auch die Natural Horsemanship Skills sind bei jedem auf einem unterschiedlichem Niveau. Corinne und ich sind natürlich blutige Anfänger. Das ist Christina aus Texas allerdings auch. Nur hat sie sich vom Look her besser für die Reitschule vorbereitet: Sie trägt einen neuen Cowboy-Hut und die passenden Stiefel dazu.

Es jetzt geht los: Anna nimmt uns mit zu unseren Pferden. Corinne, die sonst immer so mutig ist, ist ganz schüchtern, als sie ihren Hengst Rocky bürsten und kämmen muss. Liebe auf den ersten Blick sieht anders aus.

Ganz anders geht es bei Hazel und mir zu. Im Laufe des Tages wird immer deutlicher werden, dass in mir ein echter John Wayne steckt. Nach der kleinen Schönheitskur für die Tiere geht es auf die Wiese zwischen den verschiedenen Barns der Rocking Z Ranch. Die jüngste Tochter Anna, die gerade hochschwanger ist, hat sich dazu bereit erklärt, mit diesen zwei bizarren Bloggern aus Deutschland die 7 Games of Natural Horsemanship zu üben.

Was mir an der ganzen Vorgehensweise sehr gefallen hat, ist die Kommunikation auf Augenhöhe mit den Pferden. Man ist nicht der Befehlshaber des Tieres, sondern versucht, sich nach den Regeln des Natural Horsemanships in die Haut seines Rosses hineinzuversetzen. Am Vorabend hatte die Eigentümerin Pat mir noch erklärt: „Wer mit Natural Horsemanship Erfolg haben will, muss lernen zu denken und zu kommunizieren wie ein Pferd.“

Nach 3 Stunden gibt es Mittagessen, welches, wie das Frühstück, im Wohnzimmer stattfindet. Corinne und ich müssen uns mit den großartigen Spezialitäten Mut anfressen. Denn am Nachmittag ist es endlich soweit: Wir werden unsere Pferde Rocky und Hazel das erste Mal reiten. Doch eine Geschichte am Esstisch gibt mir Hoffnung. Nathalie aus Frankreich konnte vor ca. 5 Tagen noch gar nicht reiten – jetzt ist sie in der Fortgeschrittenen-Gruppe.

Wenn die Familie Wirth eine blutige Anfängerin aus Europa derart schnell auf Niveau bringen kann, dann muss es auch mir gelingen. Bei Corinne bin ich mir da allerdings noch nicht so sicher. Doch zuerst läuft alles gut. Gemächlich schreiten wir über die Wiesen der Ranch, überqueren einen Bach und scheuchen die Kühe der Farm auf.

Dann geht es auf den felsigen Hügel. Nicht, dass ich als waschechter Cowboy in irgendeiner Weise Angst habe, meine Hazel würde aus dem Gleichgewicht geraten und wir dann gemeinsam den Hang runterrollen. Aber man weiß ja nie, wenn man Corinne und ihr Pferd Rocky in der Nähe hat.

Doch es kommt anders. Genau wie ihr Reiter, will auch meine Hazel einen auf Anführer machen. Jedes Mal, wenn ein anderer Gast der Ranch zu nahe an uns heranreitet, schnauft Hazel. Am Futtertrog müssen alle anderen weichen. Und beim Abstieg des Hügels muss sie schließlich endgültig klarstellen, wer Alphapferd (und Reiter) der Gruppe ist.

Als Corinne sich zu sehr annähert, schlägt Hazel nach hinten aus. Zum Glück hatte ich gut aufgepasst und konnte mich gerade noch im Sattel halten. Ein Schreck war es dennoch, was ich mir aber natürlich nicht anmerken ließ.

Abends findet die Gruppe dann wieder zum Essen zusammen. Die ideale Gelegenheit, sich weiter an den tollen Gerichten der Familie auszutoben und mit den anderen Gästen zu bonden. Nachdem wir uns alle über die Erlebnisse des Tages ausgetauscht haben, nehmen Corinne und ich uns 2 Flaschen IPA Craft Beer und verschwinden in Richtung Whirlpool. Unter einem traumhaft klaren Sternenhimmel lassen wir den abenteuerlichen Tag ausklingen.

Nach 1 Tag auf der Ranch hatten wir die Familie Wirth bereits ins Herz geschlossen. Patty ist die Pferdefrau schlechthin. Sie kennt jedes ihrer über 70 Pferde mit Namen und Charakterzug. Ehemann Zach ist der Visionär der Familie. Er baut gerade einen Konferenzraum für Firmenausflüge und möchte sich seinen Traum einer Indoor-Reitarena realisieren. Natürlich nutzt er dafür nur die Steine der Felsen auf seinem umfangreichen Grundstück. Die Töchter Anna und Maria haben uns auf eine hervorragende Weise in die Welt des Natural Horsemanship eingeführt. Wir können ein paar Tage Reitschule nach den Prinzipien des Natural Horsemanships auf der Rocking Z Ranch nur empfehlen.

Interview mit unserer Natural Horsemanship Reitlehrerin Anna

Dein natürlicher Umgang mit Pferden ist wirklich einzigartig. In welchem Alter saßt du zum ersten Mal auf einem Pferd?

I was held on a horse once I could sit up on my own, and riding double by the time I was eighteen months. My first word has „horse“ – not Mom or Dad. Many people have trouble believing it, but I could saddle and bridle (and mount) my own horse at the age of four, and she was 15.1 hands high. I climbed the fence a lot, apparently, but nothing was going to stop me!

Welchen Tipp würdest du jedem blutigen Anfänger im Umgang mit Pferden als erstes empfehlen?

To become safe and comfortable, with some level of competency, handling a horse on the ground before ever getting on its back. If you can’t be safe on the ground your risk just increases by getting on top! Don’t rush this, let your trust of the horse develop.

Wie schnell schafft ihr es in der Regel, einem blutigen Anfänger den sicheren Umgang mit Pferden beizubringen?

Depends on the history – people who are open and athletic, without fear, are often trotting well while controlling themselves and their horse within a few hours. Intermediate is a broad term, but a fair few clients I have taught are intermediate (as in trotting and cantering well, in control of speed and direction and with mutual comfort and trust) with that horse within a few days. Remember, those days are intensive – six or so hours with that horse, and they are getting to know that horse well, so changing horses may present a different challenge. Truly, an intermediate rider should be able to get on many different horses with the same level of competency, but at the same time – someone who can canter well can’t be classed as a beginner either.

Alle eure Gäste lernen Natural Horsemanship – Warum hat deine Familie diese Schulungsform gewählt?

It chose us. Our family has always been encouraged to learn from the horse, and Natural Horsemanship epitomizes that goal. There is a deep congruence with our Natural Horsemanship and loving horses truly – maintaining boundaries, and using their natural herd order in establishing ourselves as leaders, and yet still being highly sensitive to their needs at the same time.

Was ist für dich das Beste an Natural Horsemanship? Für Mensch und Pferd?

That everything comes with a smile! Horses take things very personally, and humans easily can direct frustration or anger at an animal – Natural Horsemanship interrupts that cycle by teaching the human how to establish and maintain a boundary impersonally with complete emotional control – basically, if you can’t smile and laugh, take a time out and come back to it. I have had horses that needed a very firm hand, and anytime I questioned myself with „Was that too strong?“ I have a mental check – is my jaw tight? Can I smile when he/she runs into my boundary we have set? If the answer is „yes“ then it was the horse that made it feel strong rather than me, for I am relaxed and loving without ever letting down my position as top in the herd. Also, you can’t smile when your horse is being fearful and wild, or disrespectful and walking all over you – something that very well-meaning owners can find themselves allowing without even realizing. So, if you can’t smile, then it doesn’t bring you joy in the short or long term, and it probably isn’t Natural!

In all den Jahren als Reitlehrerin hast du bestimmt schon ganz lustige Sachen erlebt: Was war so dein persönliches Highlight?

There are quite a lot of highlights, so it is hard to select just a few. One definitely this last year was a client who was quite afraid after having suffered a bad riding accident, and started off having panic attacks even just beginning to speed up into the trot. At the end of her stay she galloped home from the barrel pattern and the grin and pride on her face was so rewarding! I think that’s the common theme for my personal highlights – when someone can overcome themselves and fulfill what they’re capable of, free from fear and doubt, it really is the best feeling ever!

Du hast in Großbritannien studiert. Warum hast du damals dein schönes Montana verlassen, um dein Masterstudium an der Durham University zu absolvieren?

I wanted to study equine history, and combine text and archaeological finds to learn more about the history of the horse. There is a vast amount of mystery and, therefore, assumptions made in the history of the horse and I wanted to demystify part of that to the best of my ability. Durham University had a program that would allow me to take courses in both Archaeology and Palaeography, which then allowed me to learn how to follow my research independently. My life has taken some different turns since then, but hopefully I will be able to use my skills in writing and publishing on the history of the horse-human relationship in a practical way.

Ein kleiner Insider für unsere Leser: Du hattest ja mal eine Fernbeziehung mit einem jungen Mann aus Jena: Wie gut verstehst du eigentlich Deutsch?

Certainly not as well as I used to! Language is such a fickle thing – once you stop using it it starts to vanish. I used to be able to teach using German about 50 % of the time, but it’s been so long now I’m sure I would struggle to do more than use the German terms for parts of the horse and saddle or ask how someone is feeling! I had to laugh at myself much of the time though because my accent is more Eastern German than standard, and sometimes I can’t understand normal German if it’s spoken with a different accent.

Auf diesem Wege noch einmal vielen lieben Dank an die ganze Wirth Family für die unglaublich schöne Erfahrung!

Rocking Z Guest Ranch
www.rockingz.com
2020 Chevalier Drive
Wolf Creek
5964 Montana, USA
Tel.: +1 406 458 389
anna@rockingz.com